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Die Beta Phase von Sword Art Online war in 3 Teile aufgesplittet. Zuerst sollte wie erwähnt lediglich die Charakter-Erstellung und die Stadt der Anfänge getestet werden, dazu veranschlagte Argus 3 Tage. Danach in der zweiten Phase sollte die erste Ebene komplett freigeschaltet werden, womit auch das Kampfsystem zum ersten Mal getestet werden konnte. Darauf waren natürlich alle Tester heiß, endlich in dieser virtuellen und doch sich real anfühlenden Welt kämpfen zu können, davon träumten fast alle. Es gab natürlich auch in der Beta bereits Spieler, die mehr Interesse an Handel und Crafting hatten, aber diese konnte man noch an zwei Händen abzählen.

In der dritten Phase schließlich, welche nur wenige Wochen vor dem offiziellen Release des Spiels am 06.11.2022 ihr Ende finden sollte, konnten schließlich innerhalb eines Monats so viele Ebenen erschlossen werden, wie es den Spielern möglich war und das Balancing sollte bereits der Release Version entsprechen. Vorausgesetzt natürlich, das alles nach Plan läuft.

Ich erwachte am nächsten Morgen recht spät, zum Glück war es Samstag und ich hatte erst am Nachmittag einen Termin im realen Leben, dieser jedoch bedeutete, dass ich heute nicht viel zum Spielen kommen würde. Ich dachte schon daran diesen Termin abzusagen, verwarf die Idee aber umgehend wieder. Es ist nur ein Videospiel und dazu auch nur eine Beta, sagte ich mir innerlich. Aber ich war froh dieses mal genug Schlaf abbekommen zu haben. Obwohl man den realen Körper in der Virtualität nicht bewegte, war es dennoch psychisch anstrengend und so verlangte der Kopf selbst nach Schlaf.

Ich entschied mich daher bis zum Termin das offizielle Forum von SAO zu lesen und nach nützlichen Informationen der Beta-Tester zu suchen. Wie bei Betas oft üblich existierte eine Vereinbarung mit Niemandem darüber zu reden, der nicht in der Beta war, dadurch hatten nur Beta-Tester Zugang zum Forum.

Es ist schon erstaunlich was ein paar hundert Beta-Tester bereits am ersten Tag der Beta herausfinden können. Aber gut, bei Sword Art Online wunderte mich das bei dem Detailreichtum nicht sonderlich. Es gab fast überall etwas zu entdecken und so hatte ich schnell eine kleine Liste zusammen mit Orten in der Stadt der Anfänge, die ich Abends noch besuchen wollte.

Beim Durchforsten des Forums stieß ich auf einen interessanten Thread in dem Tester davon erzählten wie sie sich gegenseitig halfen um auf ein Gebäude am Stadtrand zu kommen, um erspähen zu können was sich hinter der Stadtmauer befand. Doch leider waren die Betreiber clever genug alles hinter der Stadt in Schwärze zu tauchen und so konnte nicht wirklich etwas erkannt werden. Die ganze Aktion war also umsonst. Aber gut zu wissen, dann brauchte ich es selbst erst gar nicht noch mal versuchen, dachte ich so bei mir, denn ich war in diesen Belangen ein sehr neugieriger Spieler, Exploring lag mir sozusagen im Blut.

Als ich mich Abends in SAO einloggte, wollte ich mich eigentlich direkt zum ersten Ort auf meiner Liste begeben, doch als ich auf dem großen Platz in der Mitte der Stadt spawnte, bekam ich erst einmal einen riesigen Schreck. Während ich meinen Nachmittagstermin wahr nahm verpasst ich eine Ankündigung für den Abend von den Gamemastern. Und so stolperte ich unwissend geradewegs direkt in ein Gamemaster Event hinein. Was ich direkt als Erstes nach dem einloggen erblickte, er war auch kaum zu übersehen, war nichts anderes als der Boss der ersten Ebene, Illfang, der Herrscher der Kobolde.

Zu meinem Glück stand er einfach nur da, ansonsten wäre ich wohl vor Schreck schreiend davon gerannt. Die Gamemaster wollten uns wohl zeigen was auf uns wartet, sobald die letzte Beta Phase starten würde, denn erst dann würden wir ihm entgegen treten müssen um die zweite Ebene zu erreichen.

Illfang war schon ein imposanter Boss, ich schätzte ihn auf grob vier Meter Größe, er hatte einen gewaltigen Umfang, einen langen dicken Schwanz und war Muskelbepackt. Natürlich wollten die Gamemaster aber nicht zu viel verraten und so war er Waffenlos. Schwer so zu sagen welche Taktiken er wohl drauf haben würde und mit was wir bei ihm wohl zu rechnen hätten. Einfach würde es aber sicherlich nicht werden, sehr wahrscheinlich würden wir mehrere Anläufe und eine größere Gruppe brauchen, das war aber schon ohne ihn zu sehen abzusehen, denn die Ebenenbosse sollten ja eine Herausforderung für eine Raidgruppe sein, sonst würden die Ebenen viel zu schnell freigeschaltet werden.

Wie ich später im Forum erfuhr, hatten die Gamemaster davor bereits ein paar einfache Gegner gezeigt, so sollen sich darunter wohl auch Wölfe und Wildschweine befunden haben. Ob das Level 1 Gegner waren? Schwer zu sagen, denn die Gamemaster wollten natürlich auch über sie nicht zu viel verraten. Generell wussten wir zu dem Zeitpunkt eigentlich praktisch gar nichts, noch nicht mal wie das Kampfsystem überhaupt aussehen würde. Man wollte uns zum Start der zweiten Phase lediglich ein paar grundlegende Informationen in Form eines Handbuchs im Spiel selbst geben.

Mit diesen Gedanken endete das Event und ich konnte sehen wie sich die anderen Spieler bereits sehr auf das Kampfsystem freuten, denn es war Gesprächsthema Nummer eins auf dem Platz. Überhaupt wirkten die Spieler sehr fröhlich und aufgekratzt, aber auch kein Wunder, wir befanden uns in einer völlig fremden Welt, einer Welt die es so zuvor noch nie für uns Menschen gegeben hat, alles dank dem Entwickler des NervGears, der auch hinter SAO steckte, Akihiko Kayaba. Mehr als seinen Namen kannte ich zu der Zeit aber nicht, dennoch hatte sich dieser Name vor Ehrfurcht bei mir eingebrannt. Ein Mann der eine solche Technik und eine solche Welt erschaffen konnte, musste einfach eine extrem beeindruckende Persönlichkeit sein.

Langsam machte ich mich dann aber doch mal auf den Weg meine Liste abzuarbeiten. Als Erstes sah ich mir den schwarzen Eisen Palast an, der schon eine beeindruckende Größe hatte und damit auch das größte Gebäude der Stadt war. Tags zuvor bin ich schon einmal an ihm vorbeigelaufen, heute wollte ich ihn mir von innen ansehen. Ich ging also vom großen Platz eine gerade breite Allee entlang, die direkt zum Eingang führte. Der Eingang stand für alle Spieler offen, denn in dem Palast befand sich unter anderem der Raum der Wiederbelebung. Sollte man einmal innerhalb der ersten Ebene sterben, so würde man hier wieder erwachen. Und glaubt mir, diesen Raum durfte ich in der Beta später oft genug wieder sehen.

Der Palast selbst war wie zu erwarten prunkvoll ausgeschmückt und das Licht fiel durch zahlreiche Fenster aber auch durch die Decke und erleuchteten den Palast von innen. An den höheren Wänden waren zahlreiche Muster, Symbole und Figuren zu erkennen, im unteren Teil trugen Säulen an den Wänden zum imposanten Anblick bei. Wie von einem Palast zu erwarteten wurde viel Marmor in unterschiedlichen Farben verwendet. Und alles machte den Eindruck als wäre er gerade erst errichtet worden. Schlicht beeindruckend. So etwas bekam man in der echten Welt eher selten zu sehen, erst Recht in einem solchen Zustand.

Erstaunlicherweise war aber die Inneneinrichtung quasi kam vorhanden, im Grunde konnte man den Palast schon fast als leer beschreiben, außer dem Podest auf dem die Spieler wiederbelebt wurden. Es gab natürlich noch andere Räume, diese konnten jedoch nicht betreten werden. Auch deswegen hielt ich mich nicht ganz so lange im Palast auf und machte mich weiter auf den Weg durch die Stadt. Da es allerdings schon spät war, hatten einige Geschäfte bereits geschlossen, die auf meiner Liste standen, diese wollte ich dann Morgen besuchen. Darum machte ich mich direkt zum nächsten interessanten Bauwerk auf, der Kirche.

Es ist zwar nur eine recht kleine einfache Kirche, aber dennoch machte sie schon von Außen einiges her mit ihren großen verzierten runden Fenstern und den viereckigen Säulen an den Ecken mit kleinen Türmen oben drauf. Umhüllt von einer kleinen Grünfläche und Bäumen. Auch von innen war sie nicht weniger schön anzuschauen, nach hinten und zu den Seiten gab es viele große hohe bunte Fenster und im Raum war ein kleiner Altar vor dem wie in einer Kirche üblich etliche Holzbänke aufgereiht waren. Zu meiner Überraschung war ich nicht der einzige Spieler hier, drei andere Spieler saßen verteilt auf den Bänken und genossen die angenehme Atmosphäre, die dieser Ort ausstrahlte.

Ich fand es schon interessant wie sehr eine solche VR Technik die Wahrnehmung einer Spielwelt derart verändern kann. Im Grunde fühlte sich das alles überhaupt nicht wie ein Spiel an. Es fühlte sich so an als wäre man in einem weit entfernten Land zu Besuch in einer, zugegeben mittelalterlichen, Stadt. Mir fiel es immer noch schwer das alles zu verarbeiten, so würde es mir wohl noch ein paar Tage, wenn nicht Wochen, gehen. Aber um nichts in der Welt wollte ich dieses Gefühl eintauschen.

Langsam merke ich aber, wie sehr mich diese Flut an Sinneseindrücken müde machten und ich beschloss den Rest der Liste Morgen zu besuchen. Statt dessen wollte ich noch einmal eine Kneipe aufsuchen, die von Gestern lag allerdings am anderen Ende der Stadt, jedoch gab es mehr als genug Kneipen und ich beschloss eine mehr zentraler gelegene aufzusuchen. Dieses Mal hatte ich mehr Glück, die Kneipe war gut gefüllt mit Spielern, die ihren Spaß hatten, tranken und etwas aßen.

Ich beschloss in diesem Umfeld den Kontakt mit anderen Spielern zu suchen. Spätestens zur dritten Beta Phase wäre es schon nicht verkehrt ein paar Kontakte zu haben. Auch wenn es mich als bisheriger Einzelgänger Mühe kostete, entschloss ich mir ein Bier zu bestellen und einfach an einem Tisch mit sympathisch wirkenden Spielern zu fragen, ob ich mich dazu setzen dürfte. Nicht das ich wirklich damit gerechnet hätte, dass diese doch etwas freche Taktik funktionieren würde. Zu meiner Überraschung fand ich aber tatsächlich eine Gruppe sehr gut gelaunter Spieler, die mir auf meine Frage hin direkt Platz für mich machten und ehe ich begriff was passierte saß ich auch schon mit am Tisch. Das war ja einfach!

»Hallo nochmal, danke das ich bei euch sitzen darf …«

»Sei doch nicht so steif! Wir beißen nicht, zumindest heute noch nicht«, erwiderte einer der Spieler, der mir direkt gegenüber saß, und lachte. Ich fühlte mich etwas unsicher wie ich den zweiten Satz zu verstehen hatte und lächelte etwas verkrampft zurück.

»Und was sagst du zu dieser Welt?«, fragte der Spieler mich, spürbar um die Situation aufzulockern. Er war ein so um die 20 wirkender Charakter, wie wir alle in der Startmontur, er hatte lediglich sein Oberteil grün und die Hose blau gefärbt. Er trug schwarze kurze Haare und hatte dunkelbraune Augen, war mittlerer Größe und schlank, also eher ein ziemlicher Durchschnittstyp. Allerdings sollte man in der Beta das Aussehen anderer Charaktere nicht so ernst nehmen, denn die meisten liefen nur mit leicht abgeänderten Standard Einstellung rum, welche eben ziemlich durchschnittlich war. Wie auch ich selbst, fiel mir dabei so ein. Morgen sollte ich wirklich noch mal meinen Charakter neu erstellen.

Fast schon etwas spät antwortete ich »… Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht so recht was ich dazu sagen soll, ich bin noch immer völlig überwältigt von den ganzen Eindrücken hier. Es ist einfach zu fantastisch …« Mein gegenüber musste lachen. »So gehts uns allen!«, und alle stimmten ihm fröhlich zu. »Es ist einfach Wahnsinn was Kayaba hier erschaffen hat …«, fuhr er fort. »Ich kann es kaum erwarten endlich das Kampfsystem auszuprobieren … aber ich muss auch sagen, dass ich nicht damit gerechnet hätte, dass so eine Welt an sich schon so viel Spaß macht! Es ist wirklich nicht mit anderen bisherigen VR Spielen zu vergleichen. Diese Qualität ist eine völlig andere Stufe.« Ich konnte ihm nur zustimmen und nickte fast schon zu heftig.

»Wir hier haben uns …«, er deutete auf die Runde am Tisch, »… heute alle erst auf dem großen Platz kennen gelernt, während dem Event. Der Boss, Illfang hieß er glaub, war schon sehr beeindruckend, allein seine Größe und er wirkt so real!«. »In dieser Welt ist er ja auch quasi real«, erwiderte ich. Er zögerte kurz, »Da hast du recht!«, antwortete er und grinste.

»Was haltet ihr eigentlich davon? Eine mittelalterliche Fantasy Welt ohne Magie, das ist doch ziemlich ungewöhnlich für ein solches Spiel«, fragte ich in die Runde, inzwischen hatte sich meine Anspannung gelöst, sicherlich half da auch das Bier dabei. »Eine gute Frage …«, meinte ein anderer Spieler am Tisch, »… aber ich finde es eigentlich sehr interessant.« »Ja!«, stimmte wieder ein anderer Spieler zu, »Ist mal etwas anderes, wir hatten doch wirklich genug solcher Fantasy Welten mit Magie.« Viele nickten zustimmend, nur einer schaute etwas nachdenklich »Ich finde es schade, ich mag Magie und bisher gibt es eben kein Fantasy Spiel mit Magie für das NervGear …« »Damit hast du nicht unrecht, aber ich bin mir sicher es werden noch andere Spiele für die NervGear folgen und in einer ähnlichen Qualität wie SAO …« »Ich wollte damit jetzt wirklich nicht SAO schlecht machen, auch wenn wir noch nichts vom Kampfsystem sahen bin ich wie ihr bereits jetzt schwer beeindruckt!«, verteidigte er sich energisch.

»Und wie siehst du das?«, fragte mich der Spieler mit seinem Durchschnitts-Charakter. »Ich muss gestehen, dass ich kein so großer Fan von Magie bin, dafür um so mehr von Schwertern, SAO ist daher wie gemacht für mich!«, antwortete ich ein wenig zu enthusiastisch und erntete daher prompt Gelächter von den anderen Spielern. Ich musste mit lachen.

So saßen wir noch eine ganze Weile da und unterhielten uns über alle möglichen Dinge über SAO, was wir allein in der Stadt der Anfänge entdeckt haben, oder auch direkt über die Technik, die hinter so einer Welt wohl stecken müsste. Man merkte sofort: an dem Tisch saßen nur Nerds. Nun ja, nicht, dass das in einer Beta mit gerade mal 1000 Leuten etwas Besonderes wäre, fast alle hier dürften Nerds sein, selbst wenn nur ein VR Nerd.

Es war schon recht spät als wir uns langsam auflösten und so kam ich heute deutlich später ins Bett als ich eigentlich geplant hatte, aber ich bereute es nicht im geringsten, so einen Spaß wie heute Abend hatte ich schon seit sehr vielen Jahren in keinem Online Spiel mehr und ich glaubte eine Zeit lang schon daran, dass ich so etwas auch nicht mehr erleben würde. Mit extrem positiven Gedanken schlief ich langsam ein.

 

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