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Ich weiß noch, wie ich wie auf heißen Kohlen daheim auf meinem bequemen Bürostuhl vor dem Computer saß und extrem ungeduldig auf den Paketboten wartete. Das hatte auch einen sehr guten Grund, denn in dem Paket befand sich etwas, auf das ich so heiß war wie noch nie zuvor in meinem langweiligen Leben. Mein eigenes NervGear! Auf dieses hatte ich lange Zeit hin gespart und das primär für ein Spiel, von dessen Betreibern ich Gestern erst die E-Mail mit der Bestätigung zum Beta-Test Zugang bekam:

Sword Art Online!

Die letzte Nacht hatte ich fast kein Auge zugetan, so aufgeregt war ich. Nicht nur weil mir mein aller erster FullDive bevor stehen würde, sondern weil ich auch noch so unverschämt viel Glück hatte als einer von 1000 Beta-Testern ausgewählt worden zu sein. Ich konnte es noch immer nicht fassen, ich werde zum ersten Mal in meinem Leben eine völlig mir unbekannte Welt richtig betreten! Nicht so wie die letzten Jahre mit den dazu im Vergleich völlig antiquiert wirkenden VR Brillen. Mit dem NervGear war man wirklich dort, eine perfekte Illusion! Ich werde nicht nur diese mir neue Welt sehen können, nein, diese Art der virtuellen Realität ging viel weiter, ich werde eine fremde Luft riechen und die wärme der Sonnenstrahlen dort auf meiner Haut fühlen können!

Mit solchen Gedanken saß ich also nun da, versuchte mich mit meinem Computer abzulenken und die Zeit vergehen zu lassen, was mir aber natürlich rein überhaupt nicht gelingen wollte. Auch die Uhrzeit unten rechts auf dem Bildschirm half mir dabei nicht wirklich. Doch dann klingelte es an der Tür! Ich sprang dermaßen schnell auf, dass mein Stuhl umkippte, das war mir aber in dem Moment so etwas von egal, ich ließ ihn einfach liegen und rannte zur Tür. Und tatsächlich, es war der Paketbote, der heute mal wieder einen besonders miesen Tag zu haben schien, aber ich grüßte ihn freundlich und als er mir das Paket entgegen hielt und ich den Schriftzug Argus darauf erkannte, wusste ich, dass das Warten endlich ein Ende hat. Ich unterschrieb hastig, schloss die Tür hinter mir etwas zu kräftig und ging sofort in das Zimmer zurück um das Paket auszupacken.

Als ich das NervGear das erste Mal in den Händen hielt, erinnerte mich dessen Form etwas an einen Pilotenhelm, er verdeckte den Kopf bis auf das komplette Gesicht. Im Karton lag zudem ein für unsere Zeit recht dickes Handbuch. Normalerweise lese ich diese nicht, learning by doing, wie man so gerne sagt, aber da das Gerät mit elektromagnetischen Wellen ähnlich einer Mikrowelle arbeitet, war mir meine eigene Sicherheit dann doch wichtiger als ein schneller Einstieg. Angeschlossen war das Gerät schnell, es musste nur mit dem Internet verbunden werden. Das NervGear war schon ein interessantes Stück Technik, es besaß sogar einen eingebauten Akku und einen eigenen nicht gerade kleinen Speicher für Daten. Aber das verblasste gegen die eigentlichen Fähigkeiten, die dieses Gerät besaß, immerhin trennte es quasi das Gehirn vom eigenen Körper. Schon irgendwie gruselig.

Nachdem das NervGear nun betriebsbereit war, legte sich meine Anspannung etwas. Ich hatte noch etwas Zeit bis der Beta-Test von Sword Art Online beginnen würde. Die erste Phase bestand ohnehin nur daraus seinen Charakter zu erstellen und sich etwas in der Stadt, in der alle Tester anfangen würden, umsehen zu können. Erst in den weiteren Tagen sollte die Spielwelt für alle offener zugänglich werden. Daher beschloss ich erst mal mir reichlich Zeit zu nehmen um den Charakter Editor ausgiebig zu testen, aber es sollte anders kommen als geplant.

Wieder zur Ruhe gekommen aß ich erst mal noch etwas, da ich nicht wusste wie lange mein erster FullDive dauern wird, wollte ich nicht mit zu leerem Magen eintauchen, auch weil ich nicht wusste wie sich das auf meinen virtuellen Körper auswirken würde. Nur mit trinken hielt ich mich etwas zurück, man konnte ja nicht virtuell aufs Klo gehen um sich in der Realität zu erleichtern. Aber das sollte nicht mein einziger Irrtum bleiben, denn in die virtuelle Welt werden solche Bedürfnisse aus der realen Welt gar nicht übertragen.

Die Test-Server sollten um Punkt 13 Uhr Ortszeit online gehen, jedoch wusste ich aus anderen Betas, das man sich darauf nicht wirklich verlassen sollte und es auch mal zu Verzögerungen kommen könnte. Dennoch lag ich um 13 Uhr mit dem NervGear auf dem Kopf auf meinem Bett und … kam mir erst mal dumm vor, denn was nun? Es tat sich nichts. Es stellte sich dann heraus, dass es doch ganz gut wäre, wenn man Handbücher komplett zu Ende liest, denn in die virtuelle Welt tauchte man mit zwei kleinen, fast schon magischen, Wörtern ein, die ich übersehen hatte:

»Link Start«!

Säulen aus buntem Licht schossen an mir vorbei und fünf kurze Checks zeigten mir, dass mit der Synchronisierung alles »Ok« war. Danach wählte ich die Sprache, wobei aktuell nur japanisch zur Auswahl stand, und gab meine Login Daten ein. So landete ich 5 Minuten später als geplant in einem dunklen Raum, der in alle Richtungen schier endlos in schwärze gehüllt zu sein schien. Lediglich unmittelbar vor mir tauchte ein virtueller Bildschirm und eine Bedienungskonsole auf, über die ich mein Aussehen und den Namen meines Charakters festlegen sollte.

Eigentlich wollte ich mich ja erst mal mit dem Charakter Editor beschäftigen, aber es machte sich zu sehr das Verlangen breit die eigentliche Spielwelt sehen zu wollen und so erstellte ich mir erst mal auf die schnelle einen Charakter. Blond braune mittellange Haare, grüne Augen, den Rest ließ ich erst mal auf der Standard Einstellung. Während den Beta Phasen würde ich ohnehin immer wieder einen neuen Charakter erstellen müssen. Durch das vorherige kalibrieren der NervGear passte meine Körpergröße eh schon.

Beim Namen entschied ich mich dieses mal meinen Standard Nick auch als Charakter Name zu nutzen und so tippte ich »Balmung« ein. Ich fand den Namen ohnehin perfekt, der Name stammt aus dem Nibelungenlied, dort bekommt Siegfried ein Nibelungenschwert mit diesem Namen als Belohnung überreicht und Sword Art Online ist eine Welt der Schwerter und des Mittelalters, wenn auch in einer Fantasy Welt. Warum also länger nach einem Namen grübeln? Passt!

Nachdem ich die Daten bestätigt hatte verschwand der Bildschirm und die Konsole, der Raum hellte auf und vor mir standen die Worte:

»Welcome to Sword Art Online!«

Mit einem kleinen »Beta Phase 1« Zusatz darunter. Kurz darauf befand ich mich in einem Lichttunnel aus primär blauen und türkisfarbenem Licht, der mich in die Welt des VRMMORPGs führen sollte. Die Welt um mich herum wurde immer weißer und plötzlich stand ich da, ich weiß nicht wie ich dieses Gefühl beschreiben könnte. Verschiedene Gefühle schossen mir durch den Kopf, erstaunen, Ungläubigkeit und ein Gefühl von, wie soll ich es am Besten beschreiben, als wäre man gerade neu geboren worden.

So stand ich erst mal da, nahm die Hände nach vorne und betrachtete sie von beiden Seiten, sie schienen absolut real zu sein, dennoch fühlten sie sich irgendwie fremd an, aber ein Windhauch überzeugten mich davon, dass das da vor mir tatsächlich meine Hände und somit auch meine Arme waren. Moment, ein Windhauch? Mit so einer guten Simulation hatte ich nicht gerechnet. Das weckte mich etwas aus meine Trance auf. Wo bin ich überhaupt? Ich sah mich um, alles kam mir noch immer wie ein Traum vor. Ich stand auf einem riesigen runden Platz, in der Mitte eine große quadratische Turmuhr mit einer freistehenden Glocke oben drauf. Durch die schiere Größe des Platzes wirkte die Turmuhr fast schon wieder winzig. Neben der Turmuhr konnte ich eine Plattform mit kleinen Säulen an den Ecken sehen, wie sich später herausstellte sollte das die Teleport Plattform sein.

Ich sah mich weiter um, der große Platz war umringt von einer Art riesigen Mauer, die nach innen hin überdacht war und große schön verzierte Säulen trugen dieses Dach auf der Innenseite. Lediglich zu zwei Seiten wurde diese Mauer unterbrochen, auf der linken führte ein breiter Weg zu einem nahen Schloss, das musste wohl das Hauptgebäude sein, zur rechten führte ein genauso breiter Weg weg, ich konnte allerdings von meiner Position nicht erkennen wohin. Wie sich später zeigte, führte dieser zu einer großen Parkanlage mit einem riesigen See in der Mitte. Was ich hier noch nicht ahnen konnte, all das war auch nur ein winziger Teil dieser riesigen Stadt in der ich mich gerade befand. Diese Stadt sollte später unter dem Namen »Stadt der Anfänge« bekannt werden.

Als ich mich umsah bemerkte ich andere Spieler, die ähnlich ungläubig um sich schauten wie ich, offenbar ebenfalls Spieler, die zum ersten Mal wie ich das FullDive System ausprobiert hatten. Noch waren aber nicht alle Beta-Tester online, das waren nie und nimmer 1000 Spieler, vielleicht ein Drittel bis die Hälfte davon. Nicht jeder Beta-Tester hatte das Glück gleich noch ein NervGear mit zur Einladung dazu zu bekommen, dazu brauchte man schon Beziehungen. Jedoch war die Nachfrage nach dem NervGear ohnehin aktuell hoch und es daher nicht so leicht eines zu bekommen. Ich hatte da mehr Glück, auch wenn ich sie mir selbst kaufen musste. Daher wird es sicherlich einige Nachzügler bei den Beta-Testern geben, natürlich auch weil manche von ihnen noch Verpflichtungen im realen Leben hatten. Nicht jeder hatte den Luxus sich dafür frei nehmen zu können.

Etwas sehr auffällig war, dass die meisten anderen Tester mit identisch gefärbten Klamotten herum liefen. Da war ich wohl nicht der Einzige, der es eilig hatte, dachte ich mir so und musste grinsen. Dabei fiel mir auch eine andere Besonderheit des Spiels ins Auge. Ich konnte weder den Namen noch das Level der anderen Mitspieler sehen. Lediglich ein sich drehendes Symbol über dem Kopf, das bei den Spielern den Verbrechensstatus anzeigen sollte. Orange, so wusste ich, sollte einfache Verbrechen signalisieren, währen rot gefährliche Player Killer markierten. Grün wiederum, die Standard Farbe, zeigte das sich der Spieler nichts zu Schulden kommen ließ, zumindest nicht in letzter Zeit.

So konnte ich damals noch nicht ahnen, neben wem ich da eigentlich gespawnt war, das wurde mir erst sehr viel später klar. Aber zu der Zeit war er auch nur ein Spieler wie jeder Andere.

Nachdem ich mich nun wirklich genug umgesehen hatte, wollte ich mich umdrehen und los laufen und legte mich erst mal kräftig auf die Nase. Zum einen war ich es nicht gewohnt in einer virtuellen Welt zu laufen, zum anderen hatte ich das riesen Glück gleich zu Beginn über einen Bug in der Beta Wort wörtlich zu stolpern, der sich genau dann bemerkbar machte, wenn man wie ich sich drehte und direkt loslaufen wollte. Dann konnte es passieren, dass es einen Bug im Ablauf gab, der einen auf den Boden schickte, wenn man nicht darauf gefasst war, was ich natürlich nicht war.

Super, gerade erst eingeloggt und sich direkt zum Kasper vor den anderen Spielern gemacht, dachte ich mir. Aber aus irgend einem Grund brachte mich das eher zum Lachen. So saß ich da, lachte laut vor mich hin und zog erst recht Blicke auf mich. Wie peinlich! Aber das war mir in dem Moment egal, endlich war ich in dieser virtuellen Welt und erlebte etwas, was ich in meinem bisherigen Leben niemals für möglich gehalten hätte. Ich war einfach nur überwältigt und bester Laune.

Da ahnte ich aber noch nicht wie sehr mich diese Stadt noch umhauen würde mit ihrer Größe, den gut gemachten NPCs und ihren Geschäften. Und dann diese ganzen Details und Sinneseindrücke noch dazu. Gerüche, Wärme und Kälte, wie sich die unterschiedlichen Oberflächen anfühlten, selbst wie das Licht die Stimmung beeinflusste kannte ich so aus noch keinem Spiel zuvor. Das war einfach alles nur irre und einfach viel zu viel auf einmal um das alles verarbeiten zu können. Ich kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.

So irrte ich die ersten Stunden nur durch die Stadt und machte eine Entdeckung nach der anderen. Auch das man in dieser Welt ein System für ein simuliertes Durst- und Hungergefühl hat, ebenso wie ein Erschöpfungssystem, das Pausen nötig macht. So ließ ich mich am See in der Stadt nieder und aß und trank was ich zuvor in einem Laden für ein paar Col, die Währung in Aincrad, gekauft hatte. Während den ersten Beta Phasen hatte man zum Glück etwas mehr Startkapital.

Ja, Aincrad, so hieß diese surreale Welt in der ich mich gerade befand. Ein Schloss im Himmel, das aus 100 Ebenen bestand, während wir uns auf der ersten befanden, einer kreisrunden Ebene, die 10 km im Durchmesser betragen soll, wie spätere Spieler mit eigenen Vermessungen herausfinden sollten. Eine Fläche von rund 78 km² ist nicht ohne, wenn man zu Fuß unterwegs ist. Jedoch sollten die Ebenen nach oben hin immer kleiner werden und somit die Erste die Größte sein.

Nach der Pause hatte ich mir vorgenommen mich endlich mal aus der Stadt hinaus zu wagen. Dann fiel mir aber wieder ein, dass das in der ersten Beta Phase ja noch gar nicht ging. Dennoch war ich zu neugierig, ich wollte wissen was sich da draußen befand, also beschloss ich mich auf den Weg zum Stadtrand zu machen.

Auch die anderen Beta-Tester waren inzwischen längst auf Entdeckungstour und quer über die ganze Stadt verteilt. Dadurch wirkte jedoch die Stadt ziemlich leer. Inzwischen durften zwar über die Hälfte der Beta-Tester online sein, aber die Stadt war zu riesig damit lediglich 500 Spieler diese gut füllen konnten.

Als ich den Stadtrand erreichte, musste ich mit großer Enttäuschung feststellen, dass die Stadt eine riesige große Mauer umgab und das deren Verlauf darauf schließen lässt, das die Stadt wohl kreisrund sein müsste. Was hinter der Stadt lag konnte ich also leider nicht sehen, denn auch die großen Tore waren geschlossen. Das einzige was ich außerhalb der Stadt sehen konnte, war der Boden der Decke der darüber liegenden zweiten Ebene von Aincrad und die zumindest den Schluss zuließ, dass die Ebene allein in der Höhe gewaltig sein muss.

Und gerade als ich überlegte, was ich nun heute noch in der Beta machen könnte, begann ein ganz besonderes Schauspiel, es wurde das erste Mal langsam Nacht, in dieser eh schon beeindruckenden Spielwelt. Die Abenddämmerung tauchte alles in ein kräftiges rot und erzeugte eine Stimmung wie in einem Traum. Doch das war nicht alles, als es Nacht wurde und überall die Lichter in der Stadt angingen, wurde alles in eine goldgelbe Farbe eingetunkt und am Himmel, eigentlich dem Boden der zweiten Ebene, funkelnden lauter Lichter wie Sterne. Jetzt wirkte erst recht alles wie in einem surrealen Gemälde.

Ich konnte, bei meinem Weg zurück zur Mitte der Stadt, sehen wie auch andere Spieler entzückt da standen und die Atmosphäre in sich aufsaugten. Ich beschloss zum Ende des heutigen Tages eine Kneipe aufzusuchen um zu sehen, ob dort irgendwas los ist, jedoch war ich neben ein paar NPCs der einzige Gast dort. Dennoch bestellte ich mir dort ein klassisches Bier, wie man es zu der Zeit im Mittelalter wohl getrunken haben dürfte. Und ich musste dabei merken, dass das System auch Trunkenheit simuliert, jedoch fühlte es sich doch etwas anders an als in der realen Welt.

So endete mein erster Tag in der Sword Art Online Beta und als ich mich ausloggte stellte ich nicht nur fest, dass auch im realen Leben bereits Nacht war, sondern das mein Magen etwas signalisierte, Hunger! Ich hatte ja seit Stunden nichts gegessen. Da ich die meiste Zeit aber nur da lag, hielt sich zumindest der Durst in Grenzen. So aß ich noch eine Kleinigkeit und ging dann ins Bett, wobei ich lange brauchte bis ich endlich einschlief, zu viel hatte ich heute erlebt. Dabei hatte ich ja eigentlich noch gar nichts erlebt …

 

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